Der Nationalpark Bikemarathon in Scuol gehört ja ohnehin mit seinen 140 Kilometern und 4.000 Höhenmetern schon zu den anspruchsvollsten Rennen im Saisonkalender – so wie wir ihn allerdings heuer erlebt haben, wird er mit Sicherheit einen ganz besonderen Platz in den Annalen der Renngeschichte einnehmen.

Noch am Vortag hatte es bestes Sommerwetter, sonnig und heiß mit – für mich zum Teil nur schwer erträglichen 37 Grad. Die Wetterfrösche jedoch waren sich größtenteils sehr einig, dass uns für den Renntag ein heftiger Wetterumschwung bevorstehen würde – nass und kalt. Zum Start am Samstagmorgen hatte es so also auch schon nur noch 12 Grad und zum Glück keinen Regen mehr, denn in der Nacht bereits hatten schwere Regenfälle eingesetzt und die schöne Engadiner Landschaft in ein trübes, wolkenverhangenes Nebelmeer verwandelt. Von Beginn des Rennens an war es sehr windig, ja nahezu stürmisch. Der warme Wind der uns bei der ersten Auffahrt hinauf zum Costainas Pass auf 2.251m entgegen bließ, war eindeutig: Föhn! Und so war es klar, dass sobald dieser nachlassen würde, uns eine ordentliche Wetterwatsch’n erwarten würde. Und so kam es auch. Bereits kurz vor Erreichen des Cosatinas setzte der Regen ein. Und obwohl die Temeperaturen sich auch allmählich nach unten bewegten, war ich bester Laune – als ob das nicht ganz so gute Wetter mir einfach nichts anhaben könnte.

Weiter ging es über eine spaßige Abfahrt hinunter nach Fuldera und von dort wieder bergauf bis zum Döss Radond auf 2.234m. Der Regen war ziemlich beharrlich und der stellenweise starke Wind ließ ihn uns oft horizontal entgegen kommen. Mein Lieblingsteil der Rennstrecke liegt definitiv zwischen Döss Radond und dem Alpisella. Hier geht es durch das traumhaft schöne Val Mora – leider haben wir davon heuer nicht allzu viel zu Gesicht bekommen. Zum einen wegen tief hängenden Wolken und zum anderen war das Gesichtsfeld durch die dreckige Brille ziemlich eingeschränkt – die Trails dort haben dennoch unglaublich viel Spaß gemacht. Das erste Mal so richtig kalt wurde es dann auf der Abfahrt vom Alpisella 2.299m nach Livigno.

Wintereinbruch bei Nationalparkbikemarathon 2011

Pitschnass war ich mittlerweile und kam so recht durchgefroren in Livigno an. Aber über die Hälfte des Rennens war geschafft und so ließ ich mich nicht beirren und nahm den letzten und zugleich auch forderndsten Anstieg Richtung Chaschauna Pass in Angriff. Dieser sollte uns bis auf 2.694m und schließlich retour ins Engadin führen. Das Wetter war zwischenzeitlich nochmals eine deutliche Spur rabiater geworden: Die Temperaturen waren deutlich einstellig, es schüttete, bzw. graupel-schneeregnete und aus einem der Bergtäler ertönte das erste Gewittergrollen. Nicht gerade das, was man sich unter Idealbedingungen vorstellen würde, um mitten in den Alpen über einen fast 2.700m hohen Pass zu radeln. Mir wurde das ganze unheimich, auch unheimlich kalt. Auf etwa 2.400m Höhe und nach über 4:30 Stunden entschied ich für mich dann schließlich, dass eine Weiterfahrt absolut blödsinnig – ja wenn nicht unmöglich – sein würde. Ich drehte also um und versuchte so schnell wie möglich die 600 Höhenmeter retour zur letzten Kontrollstelle in Livigno zu fahren. Diese 20 oder 30 Minuten wurden zu den so ziemlich greislichsten Minuten auf dem Bike, die ich je erlebt habe. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so sehr gefroren, wie an diesem Tag. Völlig entkräftet, nass und unterkühlt kam ich am Posten in Livigno an. Ich muss wohl einen nicht mehr so ganz fitten Eindruck gemacht haben, denn ehe ich mich versah, packten mich zwei nette Helfer vom italienischen Roten Kreuz ein und versuchten mich wieder aufzutauen.

Zwischenzeitlich war das Rennen auch offiziell abgebrochen worden und so gab es auch keine Wertung. Für die Schweizer Meisterschaft jedoch, die im Rahmen dieser 10. Austragung des NBM abgehalten wurde, wurden die Zwischenzeiten für die Klassierung herangezogen, um die Meistertitel trotz des Rennabbruchs vergeben zu können. Und was mich hier besonders gefreut hat, ist dass meine Team-Kollegin Milena mit Abstand die stärkste Dame im Feld war und so absolut verdient in einem verrückten Rennen Schweizer MTB Marathon Meisterin geworden ist!

Für alle in Livigno gestrandeten wurde eine Bus-Rücktransport organisiert und auch die Bikes kamen am Ende des Tages wohlbehalten zurück nach Livigno. Das Orga-Team hat in puncto Notfallplan wirklich ganze Arbeit geleistet und alle Helfer haben sich aufopferungsvoll engagiert. Allerdings bleibt die Frage, ob man das Rennen unter diesen Wetter-Vorzeichen überhaupt so hätte starten dürfen! So oder so, es war ein – im wahrsten Sinne – unglaubliches (und hoffentlich einmaliges) Erlebnis. Das Rennen aber ist und bleibt genial und wird 2012 hoffentlich bei schönstem Engadiner Spätsommerwetter stattfinden!

Streckenplan Nationalpark Bikemarathon

Höhenprofil Nationalpark Bikemarathon